Zeitungskopf

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

der Hauptartikel dieser Aussgabe beschäftigt sich mit Carl Orff und seinem Papiertheater. Volker Schulin hat sich auf Erkundungsreise begeben und viele interessante Neuigkeiten insbesondere für uns Papiertheatler ausgegraben. Nur eine Frage ist offen geblieben:„Aus welchem Verlag ist das Orff'sche Proszerium?“

Der Winter ist nun bald überstanden, gerade noch Zeit auf eine aktuelle Weihnachtsaufführung des Stücks „Hänsel und Gretel“ zurückzublicken.

Zu guter Letzt noch ein Blick über den grossen Teich, wo über eine sehr schöne Papiertheater- ausstellung  sogar in der New York Times und im Wall Street Journal berichtet wurde.


Viel Vergnügen bei der Lektüre!

(mf)

 

INHALT – Nr. 20 – März 2011

„... mit dem Figurentheater hatte ich allerlei gelernt.“
Eine Erkundung und ein Appell von Volker Schulin
Seite 2

Elsa, Opa, Hänsel und Gretel Seite 3

A Child's View: Dramas to Color, Cut and Produce - Eric G. Bernards Papiertheaterausstellung und ihr Echo in der New York Times und im Wall Street Journal
von Uwe Warrach Seite 4


alle Ausgaben


Blocker

Seitenanfang   Home   Impressum

Das PapierTheater Nr.20                           SEITE 2                           März 2011

Carl Orff

„... mit dem Figurentheater hatte ich allerlei gelernt.“

Eine Erkundung und ein Appell von Volker Schulin




 Orff Theater

Figurentheater aus dem Besitz von Carl Orff


 



Meiner Mutter war es während der Vorstellung wegen meiner unerhörten Zündelei mit so viel Feuerwerk doch ungemütlich. Darum  bat sie mich, in Zukunft nicht mehr gar so viel zu zaubern. Auch  mußten von nun an immer gefüllte Wassereimer bereitstehen.

Ich wußte wohl, daß der Zauberwald kein richtiges Theaterstück,  vielmehr nur eine Aneinanderreihung von Spielmöglichkeiten und ein Vorwand für Feuerwerk und Musik war. Später versuchte ich mich an Stücken, die mehr auf Monologen aufgebaut waren, da meine Figuren nicht agieren konnten.

So dramatisierte ich sehr frei die bekannte Geschichte von Robinson Crusoe. (Chronik: „Robinson Crusoe in 6 Akten, großartige Dekoration!")

1. Akt: Robinson auf Deck eines Schiffes, er erzählt, warum er von zu Hause fortgelaufen ist. Es zieht ein Gewitter auf. Vorhang.

2. Akt: Sturm auf hoher See. Das Schiff, das in verschiedenen Größen weit und nah auf den wilden Wellen gezeigt wird, zerschellt endlich an einer Klippe. („Musikalisches und technisches Glanzstück.")

3. Akt: Robinson auf einer einsamen Insel findet am Ufer Trümmer und Kisten eines anderen gestrandeten Schiffes. Er hält Ausschau aufs weite Meer, denkt an Zuhause, wehmütiger Monolog, Musik ganz frei nach Grieg.

Nach verschiedenen Abenteuern Robinsons, die die anderen Akte füllen, nun gleich zum letzten:

6. Akt: Robinson schläft in seiner Höhle. Nacht - Mondaufgang. Fern-glitzernd, bewegt liegt das Meer (mit Stanniol und Lametta vom Christbaum dargestellt), dazu viel Musik. Im Hintergrund erscheint ihm in magisch-blauer Beleuchtung in einem hohen, hohlen Baum seine Mutter im Traum und tröstet ihn, daß er bald nach Hause kommen wird (Melodram!).

Das Schwierigste bei all dem szenischen Spektakel war, daß die Umbauten und die Vorbereitungen jeweils sehr viel Zeit in Anspruch nahmen und so notgedrungen immer größere Pausen entstanden, Pausen, die meist länger waren als der vorher- gehende Akt. Da ich beim „Umbau" maßgeblich beteiligt war, konnte ich auch nicht, wie ich ursprünglich vorhatte, die Zwischenzeit mit Musik füllen. So waren meine Vorstellungen auch eine Art „Geduldsspiel". Im Laufe der Zeit hatte ich eine Menge größerer und kleinerer Stücke für mein Theater erfunden und aufgeschrieben. Die Hefte sind alle im Krieg verbrannt mit allen Figuren, Versatzstücken und Bauten, nur das Theater selbst blieb erhalten.

Bei diesen Puppenspielereien mit dem Figurentheater hatte ich allerlei gelernt.“
              
Soweit die Worte von Carl Orff. Bei der Schilderung zu Robinson Crusoe hatte ich sofort die Schreiber Dekorationen vor Augen (Schiff Nr. 71/72, Stürmisches Meer Nr.63-65 und Am Meeresstrand Nr.73/74). Nun war ich auf das Theater sehr gespannt, am nächsten Tag fuhr ich von Herrsching mit dem Raddampfer über den Ammersee nach Dießen, wo Orff seit 1955 gelebt hatte.

Ihm zu Ehren wurde dort ein Museum einge- richtet. In einer in die Wand eingelassenen Vitrine steht das große Theater (8ox80x50 cm). Die Angabe dass es ein Schreiber-Theater sei, stimmt nicht. Die Dekoration Schlosshof von Schreiber ist später ergänzt worden und die Schreiber Figuren zu Schneewittchen sind Kopien. Vermutlich steht jetzt auf dem Schild „Verlag unbekannt“.
 
Obwohl ich mehreren Sammlern und Fachleuten das Foto geschickt habe, und eine Diskussion entstanden ist, konnten wir das Proszenium bis jetzt noch keinem Verlag zuordnen. Bei der Größe des Theaters und der Dekorationen und wegen der besonderen Druckqualität drängt sich die Frage auf, ob das Theater, wie im Text angegeben, aus der Kindheit des Großvaters stammen kann
(Carl v. Orff geb. 1828, Karl Koestler geb. 1837).

Ich kenne ein, auch im Aufbau, gleiches Theater im Privatbesitz, dessen Erwerb in der Familie ziemlich genau auf 1890 angegeben werden kann.
Als Orff das Theater zusammen mit seiner Mutter auf dem Speicher 1905 aufgefunden hat, waren noch handgemalte Figuren des Großvaters dabei zu einem Stück von Pocci, das erst 1858 geschrieben wurde. Vielleicht hat der Großvater dies für die Mutter von Orff (Paula Koestler geb. 1872) gemacht. Sie war ein hochbegabtes Mädchen, das schon im Alter von 12 Jahren die
Konzertreife als Pianistin hatte. Von ihr hat Carl wohl die stärkste künstlerische Prägung erhalten.
Das Alter des Theaters ist nicht nur für die Papiertheatergeschichte eine spannende Frage, auch für die Orff-Forschung könnte sie von Bedeutung sein. Gerne würde ich mich beim Orff-Zentrum München und bei der Carl Orff Stiftung bedanken, indem wir genaue Angaben über den Verlag machen könnten. Dazu brauche ich die Hilfe der Sammler, bitte schaut euch das Proszenium genau an, jedes Detail kann uns weiterhelfen. Besonders aufmerksam sollten wir vielleicht bei den Firmen suchen, die so genannte Industrietheater herstellten. Bitte meldet euch (bei Volker Schulin, Tel.: 0711/587311). An die Spieler habe ich den Wunsch, bringt das Papiertheater nach 100 Jahren wieder zu Carl Orff. „Die Kluge“  und „Der Mond“  warten darauf.

Proszenium und Programmzettel aus Carl Orff und sein Werk. Dokumentation. Hans Schneider Verlag, Tutzing 1975–1983 mit freundlicher Genehmigung der Carl Orff Stiftung
Die Robinson-Bilder sind Anregungen für die Bühnenbildner des Museums in Dießen bei der beabsichtigten Restauration der Orff-Bühne (wie Carl Orff sie verwendet haben könnte...)

Weitere Informationen über Carl Orff: Wikipedia-Eintrag über Carl Orff


 

Orff Programm


Programmzettel: Aufführung anlässlich des Geburtstages vom Großvater, 11. Februar 1906



 

1. Akt


2. AKt


3. AKt


 

Robinson


Das PapierTheater Nr.20                           SEITE 3                           März 2011


Elsa, Opa, Hänsel und Gretel


 

 


 hoch. „Das ist die---
Nein! Die mag ich gaaaaar nicht.“ Opa überlegt. Nun wird’s eng. Was wird Elsa erst zur Hexe sagen? Er hält testweise die Figurine hoch. „Das ist die---
Nein! Die mag ich gaaaaar nicht.“ Die Dramaturgie ist geschmissen. Opa ist es gewohnt, dass Elsa beim Kasperspiel eingreift und den Plot ins Schleudern bringt, aber dies hier ist misslicher. „Wollen wir lieber aufhören?“ fragt er besorgt.
Nein, Opa, spiel weiter.“
Weiter ist gut, denkt Opa. Wenigstens die Engel kommen heil über die Bühne, aber ohne Hexe ist der Pfiff weg. Nur Hänsel und Gretel sind übrig geblieben.  
Vor der Bühne ist es verdächtig still. Dann: „Opa, das ist mir jetzt langweilig.“
Opa seufzt unhörbar. Vielleicht nächste Weihnachten, denkt er.
Während er einpackt, ist Elsa schon nebenan in der Bastelwerkstatt. „Ich mal die Hexe!“ ruft sie herüber.
-ch



 

Bild


 

Das PapierTheater Nr.20                           SEITE 4                           März 2011

Ausstellung

A Child's View: Dramas to Color, Cut and Produce - Eric G. Bernards Papiertheaterausstellung und ihr Echo in der New York Times und im Wall Street Journal

von Uwe Warrach



Programm


ausstellungskatalog


 


Wir treffen auf Vertrautes wie A Penny Plain and Two Pence Coloured und Namen wie W.G.Webb, John Redington, Benjamin Pollock, „Engelbrecht Peepshows“, Winckelmann und Söhne, Oehmigke & Riemschneider, Joseph Scholz, J.F.Schreiber, Alfred Jacobsen.


Sehr schön gedruckt die Proszenien aus England, Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien, Dänemark und den USA. Anregend finde ich es die vielen Titel; auch wenn man etliche kennt, so klingen sie doch stimulierend wie: Onkel Toms Hütte, Ivanhoe, Jack the Giant Killer, The Last of the Mohicans, Don Quixote, Oliver Twist, Dramatisierungen nach Jules Vernes Romanen. Auch fiel mir auf, dass offenbar in England, aber auch in Österreich und Spanien Shakespeare eine große Rolle spielt(e), den wir bei uns doch eher selten auf der Papiertheaterbühne zu sehen bekommen.


Wer noch mehr wissen möchte, findet Auszüge aus dem Katalog nebst Bildern unter www.brucemuseum.org, dort auf Exhibitions> Past Exhibitions klicken.

 


Singer


J.H. Singer Proscenium, USA, New York, ca. 1883


 
Seix Y Barral


Seix y Barral Teatro de los Ni´┐Żos, Spanien, ca. 1918 und 1925




Pellerin


Publisher: Imagerie Pellerin Proscenium, Frankreich ca. 1866





Bild

New York Times vom 28.11.2010

Lupe


Bild

Wall Street Journal vom 05.11.2010

 

Lupe