23. Juni 2026
Volker Schulin gestorben
Volker Schulin 20. Oktober 1943 — 25. Mai 2026
Nachruf von Uwe Warrach
Eigentlich hätte Norbert Neumann diesen Nachruf schreiben sollen, er hatte eng mit Volker Schulin zusammen gearbeitet, dokumentiert in Norberts „Blättchen“ (offiziell: Zeitschrift PapierTheater 2000-2006), Nrn. 26, 31 und 32, aber Norbert ist leider auch nicht mehr. Historische biblische Figuren, Krippen und Farbholzschnitte waren Volker Schulins Fachgebiet, doch was heißt sein Fachgebiet, als hätte er nur dieses gehabt. In der (Web-)Zeitung des Vereins 2007-2015 finden sich weitere Beiträge, die er einmal Erkundungen nannte. Er grub historische Papiertheaterschriften aus, „entlarvte“ den Komponisten Carl Orff als Figurentheaterspieler von Kind an, erinnerte an den ebenso leidenschaftlichen Sammler Kurt Eiselt – zum Nachlesen in den Ausgaben Nrn. 13, 20 und 33 unter www.papiertheater.eu. Dort findet sich auch ein Bericht über seine Ausstellung in Fellbach 2013/2014, ergänzt mit seltenen Fotos von ihm, auch das war Ausdruck seines ebenso bescheidenen Wesens wie seiner perfekten Arbeitsweise.
Und erst was sich in seiner Wohnung penibel geordnet angesammelt hatte: Kulissen, Figurinen, von ihm gebaute Gitarren; es war so viel, zuviel, so daß sein Besitz ihm am Ende zur Last wurde: Schicksal der begeisterten, fleißigen Sammler: Wo soll das alles mal hin? In der späten Phase seines Lebens, die von Krankheit und dem Tod seiner Ehefrau gekennzeichnet war, wuchs diese Lage ins nicht mehr Beherrschbare. Ich hörte in unseren letzten Telefonaten aus dem Pflegeheim seine leise Verzweiflung heraus; ja, leise, wie er immer gewesen war, und doch schimmerte selbst da noch sein feiner Humor durch.
Laßt mich an dieser traurigen Stelle anstatt schönzureden oder abzuschließen, noch kurz berichten vom Besuch in Volkers Ausstellung in Fellbach über die Jahreswende 2013/2024, die so kennzeichnend für ihn war:
Aus den Fenstern des renovierten Fachwerkhauses leuchten die kleinen Bühnen in den Winternachmittag. Drinnen empfängt uns Volker mit einer Fülle von Papiertheatern, rund vierzig sind es, alle von ihm aufgebaut und in Vitrinen eingerichtet. Des weiteren noch viele Theaterbögen in Bilderrahmen sowie diverse Guckkästen, Weihnachtskrippen, biblische Figurenbögen und Beispiele einschlägiger Literatur. Ausschnitte aktueller Papiertheaterstücke von einer DVD schlagen die akustische Brücke von einst zu jetzt. In der Mitte des zweiten Raumes wartet eine Bühne darauf, bespielt zu werden. Es sind die historischen Bögen von Scholz, Schreiber, Trentsensky und wie sie alle heißen- und sie sind es auch wieder nicht, jedenfalls nicht alle. Nicht nur Original-Antiquitäten nämlich, wie aus anderen Ausstellungen geläufig: nach 100 Jahren leicht mitgenommen, angestoßen und verblichen- nein, und das ist nun für mich das Sensationelle an diesem Ort: alle Exponate sind frisch gedruckt und in „natürlichen Farben“. Was heißt das? Ihre Wirkung erinnert mich an die ersten „farbechten“ Farbfilme der späten fünfziger Jahre, das heißt, weder grell noch farbstichig, noch blass. So, denke ich, müssen die Papiertheater des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben, als sie frisch auf den Markt kamen. Ich sehe mich jetzt eher zu einem Händler von damals versetzt als in ein Museum. Was Volker zu seiner Herstellungstechnik und dem wundersamen Bilderglanz zu sagen hatte, wirft noch einmal einen Blick darauf, wie schöpferisch und intensiv er bei der Sache war:
„Ein Drittel der Theater ist mit Originalbogen gebaut, ein weiteres Drittel mit Kopien nach eigenen Originalen. Der Rest wurde gebaut mit Kopien von Museen und mit Nachdrucken z.B. von Oldfux. Bei den Figuren und Dekorationen sind ca. 3/4 mit Originalbogen erstellt. In der flachen Tischvitrine bei den Inszenierungen ohne Proszenien sind nur Originale. Der Rest in den Theatern wieder mit Kopien, davon das Allermeiste nach eigenen Originalen. Die Kopien habe ich in einem Kopiergeschäft als A3 Kopien erstellt und dann zusammengesetzt. Von zwei alten Schreiber Proszenien konnte ich mir vom Landesmuseum die Bogen ausleihen und habe in einer Kopierfirma Drucke in Originalgröße machen lassen (nicht billig !).“
