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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

das 26. Preetzer Papiertheatertreffen ist vorüber. Herzlichen Dank an die 6 Rezensenten, die es ermöglichten uns über alle Stücke einen Einblick zu verschaffen.

Sabine Herder berichtet vom Kölner Kästchentreffen, dass im Mai diesen Jahres stattfand.

Kurt Schönhoff gestaltete auf der Mitglieder- versammlung des Vereins einen sehr kurzweiligen Vortrag über Bewegung im Papiertheater. Horst Römer berichtet darüber.

In einem weiteren Artikel stellt Horst Römer zwei aktuelle Kinofilme vor, in denen Papiertheater vorkommen.

Weit in die Vergangenheit geht Volker Schulin mit der Vorstellung eines Buches über das Papiertheater aus dem Jahr 1878.

Viel Vergnügen bei der Lektüre!

(mf)

 

INHALT – Nr. 33 – November 2013

26. Preetzer Papiertheatertreffen              von Sabine Herder, Brigitte und Lothar Rohde, Jens Schröder, Olaf Christensen und Uwe Warrach
Seite 2

Schwarzweiße Maschinenträume zu Blasmusik „Vom Reisen und Träumen“
Das Kölner Kästchentreffen im Kunsthaus Rhenania, Kölner Südstadt, 9. – 12. Mai 2013
von Sabine HerderSeite 3

Über Bewegung im Papiertheater
von Horst Römer
Seite 4


Papiertheater im Film
Zwei Beispiele
von Horst Römer
Seite 5


Der kleine Papparbeiter – Papiertheater 1878
von Volker Schulin                        
Seite 6

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Das PapierTheater Nr.33                           SEITE 2                       November 2013

Festival

Spätsommerzauber, Stromausfall und lauter gute Geister


 

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Banditenoperette oder Klauen aus Leidenschaft, Papieroper am Sachsenwald – Uwe Warrach, Reinbek


Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?
Der Skandal um den französischen Bankier Jules Mirès, galt  für Jacques Offenbach als ein Beispiel für die niedergehende Moral im Reich Napoleons des III. Für seine Opéra-bouffe verlegte er die Handlung in das Herzogtum Mantua, wo eine nicht gerade vom Erfolg verwöhnte Räuberbande die vermeintlich Reichen um ihren Zaster zu bringen suchte.    
Schon die Umbenennung des Räuberhauptmann Falsacappa in „falscher Pappa“  ist eine der sprachlichen Feinheiten der Preetzer Neuinterpretation durch die PAPIEROPER AM SACHSENWALD.  Diese Namensgebung  weist auf seine Tarnung in Mönchskutte hin.  
Das Stück wurde von Hans-Jürgen Gesche und Uwe Warrach, weitgehend in Reimen, neu getextet. Dabei lag der inhaltliche Schwerpunkt der humorvoll-satirischen Interpretation auf den Verwerfungen, die die europäische Banken- und Wirtschaftswelt, sowie die  Politik, den Bürgern  in der letzten Zeit zugemutet hat.   
In der Geschichte der zyklisch wiederkehrenden Ereignisse ließ Offenbach zwei insolvente Fürstentümer sich gegenseitig in die leeren Taschen greifen.
Das geschah in Warrachs  Inszenierung durch ausdrucksstarke  Figuren, die auch in der Tiefenwirkung das Bild bereicherten. Um den Operncharakter zu erhalten und die hörenswerten Texte trotzdem akkustisch verständlich zu machen, legte Uwe Warrach über die französisch gesungenen Lieder seine im Rhythmus der Musik gesprochenen Texte. Eine Bravourleistung, die an die Grenzen des Möglichen ging.                              
Die „Pubertäterin“ Fiorella (Tochter des Räuberhauptmanns) hat sich in den „saumäßig anständigen“ Herrn Hoffmann (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schriftsteller der Erzählung der diesjährigen Aufführung von RÖMERS PRIVATHEATER) verliebt. Da dieser aufgrund seines bisher tadellosen Lebenswandels den niedrigen Ansprüchen der  Räuber nicht entsprechen kann, muss er erst einen Beweis seiner Unredlichkeit liefern, um in den Kreis  der Mikroberlusconis aufgenommen zu werden. Den sich daraus entwickelnden Ereignissen und ihrem geistigen Neuschöpfer applaudierten die Zuschauer anhaltend. 
                            
Brigitte  und Lothar Rohde

Jacques Offenbach hat sein Schauspiel »Les Brigands« - zu Deutsch „Die Räuber“ – bereits als komische Oper geschrieben.
Uwe Warrach mit seiner PAPIEROPER AM SACHSENWALD reicht diese Komik aber lange noch nicht.
Eigentlich dreht sich die Geschichte um einen Räuberhauptmann im Herzogtum Mantua, der mit seiner Bande zum Ausrauben immer wieder an arme Schlucker gerät.
Zu allem Überfluss verliebt sich seine Tochter auch noch in eines dieser Opfer. Der hält um ihre Hand an und muss beweisen, dass er zum Banditen taugt.
Tatsächlich gelingt ihm die Gefangennahme eines Kabinettkuriers und das Abfangen eines Briefes, in dem die bevorstehenden Hochzeit des Herzogs von Mantua mit der Tochter des Fürsten von Granada von der Zahlung von 3 Mio Franc an den Brautvater abhängig gemacht wird.
Die Banditen überfallen die spanische Abordnung, übernehmen deren Kleider und wollen sich am Hof von Mantua das Geld auszahlen lassen.
Allerdings ist die Staatskasse leer, da der Schatzmeister zur Finanzierung seines aufwändigen  Lebensstils selbige geplündert hat. Er versucht seinen „spanischen“ Amtskollegen mit sofortigem Erfolg zu bestechen. Trotzdem werden die als Spanier verkleideten Banditen der Situation gewahr und verlangen dessen Bestrafung als in dem Augenblick die echten Spanier erscheinen.
Jetzt sollen die verkleideten Banditen das Zeitliche segnen, aber die Herzogstochter verwendet sich für sie und dem allgemeinen Happyend steht nichts mehr im Wege.
Soweit die Handlung.
Komisch und kompliziert genug, hat Uwe Warrach sie mit seinem Wortwitz überarbeitet und sorgt dafür, dass man ihr in der eingekürzten Papiertheaterform leicht folgen kann.
Die teilweise gereimten Dialoge würzt er mit norddeutschem Slang und plattdeutschen Einsprengseln und spielt nicht nur mit seinen Figuren, sondern vor allem auch mit Worten.
Finanzkrise, Bankenpleiten, Korruption und Euro-Rettungsschirm – nichts wird da ausgelassen und die Seitenhiebe und Anzüglichkeiten in den Dialogen zeigen, dass der Wesenskern der Operette keinesfalls antiquiert ist.
Wenn seine auf Basis klassischer Vorlagen selbstgestalteten Figuren sich durch die ebenfalls selbst erstellten Kulissen bewegen, bekommt der Zuschauer nicht nur etwas fürs Auge, sondern auch fürs Hirn.
Gelungene Einbauten im Tonträger wie der Schelllack-Schlager „Lass Dir nichts von Hoffman erzählen“ oder pointiert eingesetzte „Special Effects“ wie das Netz bei der Gefangennahme der Spanier runden den Papiertheatergenuss ab, der in den – gerade heute immer noch passenden – Worten gipfelt:
„Man sollte entsprechend seiner gesellschaftlichen Stellung stehlen.“

Olaf Christensen

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Das Magische Theater, Römers Privattheater – Motoko und Horst Römer, Wildeshausen

„Ins Kristall bald dein Fall“.  Diese Verheißung der Hexe wurde im     „goldenen Topf“ von E.T.A. Hoffmann für den Studenten  Anselmus unwirkliche Wirklichkeit. Er wurde durch den Zauberspruch in einer Kristallflasche gefangen, was  als Hinweis auf die in der Romantik gängige Entfremdung von der Realität zu verstehen ist.
RÖMERS PRIVATTHEATER hat, die  scheinbar naheliegende Idee, durch  die Neuformulierung  des Hexenspruchs  „ins Papier mit dir“,  Anselmus  das gleiche Schicksal ereilen zu lassen, das uns Zuschauer auch in dieser Inszenierung verzaubert hat. Für ihn wird das Papiertheater zur sagenhaften Welt  Atlantis.  Im Papierbogen gefangen, kann er nur durch die  Tochter des verhexten Archivarius  Lindhorst aus diesem befreit werden. Anselmus bleibt aber unserem  Metier treu und darf mit seiner geliebten Retterin im Reich der Poesie bleiben. Zum Glück ist das Papiertheater nicht wie Atlantis untergegangen, sondern konnte auch durch  „Preetz“  gerettet werden.
Diese Erzählung  auf das Papiertheater zu übertragen, erscheint  aufgrund  ihrer Dialektik zunächst nicht einfach. Römers ist es erfreulich gut  gelungen, den Inhalt so zu bearbeiten, dass  der Text, einfallsreich umgestaltet, im Sprachstil Hoffmanns bleibt und für die Hörer verständlich ist. Zuhörern, denen die Ideenwelt Hoffmanns unbekannt ist, erschloss sich die Handlung nicht gänzlich.  
Bärbel Römers Figurenentwürfe sind märchenhaft und kunstvoll gestaltet. Die Sprecherstimmen  waren den handelnden Personen  gut  zuzuordnen und verstärkten den Reiz der agierenden Figuren. Die Bilderwelt Römers hat wieder einmal unsere Phantasie nachhaltig beflügelt.

Brigitte  und Lothar Rohde

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Sagten Sie „Ägypten“? , Haases Papiertheater - Sieglinde und Martin Haase, Remscheid

Auch Martin und Sieglinde Haase setzten nach wie vor auf den guten alten Guckkasten, in diesem Fall einen 60er Jahre Fernseher, mit Zimmerantenne! Von gestern ist ihr Theater dennoch nicht.
Die wunderbare Parodie auf die Miss-Marple- Filme der Schwarzweiß-Fernsehära lebt von unerwarteten Volten, witzigen Dialogen und großartigen Bildideen. Die Protagonisten, aus rechtlichen Gründen umgetauft in Miss Marvel und Mr. Swinger, leben ein beschauliches Leben in London, als ein Zahlendreher in der Anschrift Miss Marvel ein altägyptisches Artefakt in die Hände spielt. Vom Pensionärsleben gelangweilt, beschließt die rüstige Dame, in Begleitung ihres Butlers und Freundes, auf eigene Faust die Herkunft des goldenen Skarabäus zu ermitteln. Die Reise führt an den Nil, wo sie Grabräubern begegnen, sich, auf eigene Faust im Auto in der Wüste verirren – eine großartiger Frontal- „Aufnahme“ durch die Windschutzscheibe – und schließlich im Fesselballon an den Ursprungsort der Reise zurückkehren. Dass die letzte Szene wohl eher auf dem Rollfeld eines marokkanischen als eines ägyptischen Flughafens spielt, ist Martin Haases augenzwinkernden Spiel mit der kollektiven Erinnerung geschuldet. Die dort wartende Junkers-Maschine (mit sich drehendem Propeller!) zitiert die Schlusseinstellung von „Casablanca“, einem Film, den auch wir zahllose Male auf dem alten Schwarzweißfernseher gesehen haben.
Wunderbar, ein Rentnerpaar in verschiedenen Posen für die Figuren Modell sitzen zu lassen und einfach großartig, die verblüffenden mechanischen Tricks, die von Haases eingesetzt werden. Die drehbare Trommel, die die am Zug vorbeiziehende Landschaft darstellt, die Welle, die das Ruckeln des Zuges simuliert, die Figur, die nicht nur die Treppe heruntergeht, sondern im Flachen weiterlaufen kann und vieles, vieles mehr, machen Haases Papiertheater zur sehenswertesten Bühne des Festivals.

Sabine Herder


„Sagten Sie Ägypten?“
sollte von Haases Papiertheater angelegt sein als Parodie auf die Miss-Marple-Filme vom Anfang der 60er Jahre.
Herausgekommen ist allerdings ein Stück, das nicht einfach nur parodiert, sondern sich in jeder Weise mit dem Original messen kann.
Schon das Proszenium in Form eines alten Röhrenfernsehers stimmt auf das Kommende ein, zu dem auch der Rollentext in Schwarzweiß gehört.
In den selbstgestalteten Kulissen, die mit allerlei Tricks ausgestattet sind wie einer begehbaren Treppe, einer räumlichen Wüstenlandschaft mit Heißluftballon oder einer Autofahrt durch die Wüste, wird der Zuschauer durch die Figuren mit in ein Abenteuer genommen, das sich um Antiquitäten und Grabräuber in Ägypten dreht.
Eine Fehllieferung eines ägyptischen Artefakts sorgt für Miss Marvels Interesse, die aus Urheberrechtsgründen ihren Namen genauso verändert hat wie ihr Freund Mr. Swinger.
Auch das Aussehen ist ein wenig anders, was daran liegt, dass zwei Bekannte der Haases die Hauptrollen in Form von Fotofiguren spielen.
Kurz entschlossen, die Herkunft der Antiquität zu eruieren, reisen die beiden Helden nach Ägypten.
Mit dem durchaus deutlichen Miss-Marvel- Charme, Wortwitz und dem stets leichte Bedenken tragenden Mr. Swinger gelingt es dann auch, eine Bande von Grabräubern und Hehlern dingfest zu machen.
Das Stück endet mit einer hervorragenden gestalteten Abschlussszene auf einem Flugplatz, die nicht nur direkt aus dem Film „Casablanca“ entlehnt zu sein scheint, sondern z. B. mit einem abfliegenden Flugzeug auch noch mal ein technisches Highlight setzt.
Was Haase’s Papiertheater hier an Räumlichkeit und Tiefe zeigt – ob nun heimische Diele, Wüste, Grabkammer oder Flugplatz - ist im wahrsten Sinne des Wortes Großes Kino.
Hinzu kommen zahlreiche Spezialeffekte wie z. B. eine Diashow bei einem ägyptischen Hehler, die geschickt und sehr effektvoll Elemente des Schattentheaters nutzt.
Ein stimmungsvolles Theaterstück, das in jeder Beziehung von der Idee des Stücks über die Dialoge bis hin zur figürlichen Umsetzung perfekt ist. Dazu gehören selbstverständlich auch die Geräuschkulissen, die zur Lebendigkeit jeder Szene ihren Beitrag leisten.
Bei so viel gelungener Bühnentechnik stellt sich natürlich des Öfteren die Frage „Wie haben die das bloß gemacht?“.
Fragen wie diese werden geduldig beantwortet und ein Blick hinter die Kulissen ist bei Haases Papiertheater mindestens genauso spannend wie das eben erlebte Stück.

Olaf Christensen


Waren Sieglinde und Martin Haase beim letztjährigen Papiertheatertreffen ausschließlich reisenderweise auf dem Wasser (des Rheins) unterwegs, so versprach die Ankündigung in diesem Jahr Abenteuer zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Diese Ankündigung in Verbindung mit dem Wissen um die Qualität der Aufführungen auf der Haaseschen Papiertheaterbühne löste – ich denke nicht nur bei mir -eine besondere Vorfreude aus. Um das Ende vorweg zu nehmen: meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen.
Haases hatten das Proszenium ihres Theaters als Fernsehgerät - Baujahr ca. 1960 – gestaltet. Auf dem Programm stand eine Parodie auf die Miss-Marpel-Filme, deren Entstehungszeit ungefähr mit dem Baujahr des Proszeniums-Fernsehgerätes übereinstimmen dürfte. Das Fernsehgerät machte seinem Namen alle Ehre; man konnte durch dieses Gerät tatsächlich in ferne Länder – in diesem Fall Ägypten -  sehen. In Ägypten sahen wir Miss Marvel und Ihren treuen Begleiter Mr. Swinger; ein fälschlicherweise bei Ihnen gelandetes Paket mit einem goldenen ägyptischen Skarabäus war der Auslöser für diesen Abenteuerurlaub der beiden Hobby-Kriminalisten.
Die einzelnen Stationen der Reise auf den Spuren skrupelloser Grabräuber wurden grandios in Szene gesetzt: Ob der Dialog im Zugabteil vor einem Wandelpanorama, das aus dem Pegasus-Repertoire entnommene Schiffsdeck bei der Überfahrt nach Ägypten, der eindrucksvolle Diaabend in einem ägyptischen Hotelsalon, die Autofahrt nach Kairo, die Szene in der Grabkammer, der Show-down vor dem Tempel oder die Casablanca-würdige Schlußszene auf dem Rollfeld eines Flughafens – jede einzelne Szene hätte man gerne noch länger betrachtet und genossen. Mein absoluter Favorit war der Flug im Heißluftballon über die Wüste. Der Effekt, den Martin Haase hier durch einen im 45°-Winkel angeordneten Wüstenprospekt in Verbindung mit der richtigen Beleuchtung erzielt hat, war faszinierend.
Die notwendigen Umbaupausen wurden durch verbindende und die Handlung weiter vorantreibende Zwischentexte und durch „Einblendungen“ von verschiedenen und zu den Texten passenden schwarz-weiß-Standbildern auf der Haaseschen Mattscheibe überbrückt. Im „echten“ Fernsehen wären diese Unterbrechungen sicher verbunden mit den Hinweis: „Bleiben Sie dran!“ Dieser Hinweis war bei dieser Aufführung mehr als überflüssig – wer hier „gezappt“ hätte, hätte wirklich was verpasst!

Jens Schröder

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Das Elend – ein Märchen, Hellriegels Junior – Gerlinde Holland und Willem Klemmer, Kiel

Klein, aber fein, was Gerlinde Holland und Willem Klemmer uns auch in diesem Jahr wieder boten.
Eine Geschichte, die den Sieg von Liebe, Fleiß und Gutartigkeit über die Gier feiert. Das Elend, von zu Unrecht armen Menschen in eine Falle gelockt, wird vom Reichen, der nicht genug bekommen kann, wieder freigesetzt. Kurz und bündig, eine klare Botschaft, unterhaltsam, liebenswert. So kann, so sollte Papiertheater sein! Noch purer geht kaum: in zartem Buntstiftkolorit auf Wellpappe (!) gezeichnet, vermag uns diese Inszenierung dennoch für kurze 15 Minuten in eine andere Welt zu entführen. Bravo!

Sabine Herder

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Was nach den Schafen kam..., Muthesius Kunsthochschule – Prof. Dr. Ludwig Fromm mit Student/innen und Martin Witzel, Kieler Oper, Kiel

Zum wiederholten Male haben Studierende der Muthesius Kunsthochschule Kiel unter Leitung von Prof. Dr. Ludwig Fromm ein Papiertheaterstück entwickelt und dem Preetzer Publikum präsentiert.
Wie hängt der Titel des Stückes mit den von den Studentinnen und Studenten entwickelten Bildern zusammen, wie lässt sich der Inhalt des Stückes beschreiben? Ich habe das so verstanden: Nach den Schafen, die als Einschlafhilfe gezählt werden, kommt der Schlaf und im Schlaf kommt dann der Traum – traumhaft schöne Bilder wurden auf die für die Preetz-beanspruchten Augen angenehm große Papiertheaterbühne gebracht. Räume, die auf dem Kopf stehen, Vergrößerungsgläser, die durch die Szene wandern und einzelne Details hervorheben, rotierende Strudel mit überzeugender Sogwirkung…Bilder, die zum Mitträumen anregen.
Als besonderes Stilmittel der Muthesius-Projekte habe ich immer die Einbeziehung des Proszeniums in die Inszenierung wahrgenommen, zum Beispiel als Projektionsfläche für bewegte Bilder aus dem Beamer. Besonders beeindruckt hat mich in diesem Jahr eine Szene, bei der die Bühnenöffnung durch Entfernen von schwarzen Abdeckungen blitzschnell und völlig überraschend zum Schlund eines gigantischen Ungeheuers wurde, dessen Rachen sich in die Tiefe der Bühne fortsetzte.
Gespannt freuen wir uns auf die zukünftigen Projekte, die hoffentlich in den nächsten Jahren folgen.

Jens Schröder

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Genovefa, Schmerzenreich und die weiße Hirschkuh, Papiertheater Pollidor – Barbara und Dirk Reimers, Preetz

Diese Frau ist fast zu gut für diese Welt und dieser Mann hat einen wirklich fiesen Charakter…
Die Rede ist aber nicht etwa vom Ehepaar Reimers, sondern von der Heiligen Genofeva und dem Antagonisten der Moritat namens Golo.
Die Geschichte, an der sich neben Friedrich Hebbel, Robert Schumann und Jacques Offenbach nun auch das Papiertheater Pollidor versucht hat, ist schnell skizziert:
Graf Siegfried zieht als treuer Gefolgsmann des Königs in den Krieg und überträgt seinem Statthalter Golo neben den Regierungsgeschäften auch den Schutz seiner schwangeren Frau Genovefa – nicht ahnend, dass er damit den Bock zum Gärtner gemacht hat.
Golo - verschlagen und gierig - begehrt die treue Genovefa, die sein Werben verschmäht und ihn brüsk zurecht- und zurückweist.
Der so Verschmähte sinnt auf Rache, beschuldigt Genovefa fälschlich des Ehebruchs mit einem Koch und verurteilt sie zum Tode.
Die Exekution im Wald findet aus Mitleidsgründen nicht statt und fortan lebt die nun frisch gewordene Mutter mit ihrem Sohn, den sie sinnigerweise „Schmerzenreich“ nennt, sechs Jahre lang in einer Höhle.
Versorgt werden Mutter und Sohn vom himmlischen Lieferservice mittels weißer Hirschkuh.
Das Ende ist absehbar, aber dann doch nicht ganz happy:
Ehemann Siegfried findet erst seine totgeglaubte Frau im Wald und dann die Wahrheit heraus, was im Anschluss zum schnellen Ende Golos führt.
Allerdings kommt es nicht zum üblichen „Und sie lebten glücklich…“, denn auch Geonvefa stirbt.
Der nun alleinerziehende Vater trauert mit seinem Sohnemann um die Verblichene, was Dirk Reimers entsprechend mit einem der wenigen, dafür aber pointierten Spezialeffekte begleitet, indem nicht nur Genovefa sondern optisch wahrnehmbar auch die Hirschkuh das Zeitliche segnet.
An dem Reimers’schen Stück ist nicht nur die Schreibweise Genovefas ungewöhnlich.
Es gelingt dem live sprechenden Paar hinter der Bühne auch, die von Barbara Reimers liebevoll mit der Hand gezeichneten Figuren zum Leben zu erwecken und den Zuschauer in der Handlung mitzunehmen.
Bis zur Emigration Genovefas in den Forst bleibt unklar, ob die vorgetragene Theatralik ernst gemeint oder bereits augenzwinkernd überhöht ist.
Erst als Genovefa dann erklärt, sie sei nun Veganerin, bricht sich der Reimers’sche Witz auch in diesem Stück Bahn.
Am Ende des Stücks ist der Zuschauer um eine Erfahrung klassischen Papiertheaters reicher:
Geräusche und Stimmen kommen live aus dem Dunkel der Bühne, während sich das Drama mit den gelungenen Figuren (z. B. die Mehrseitenansicht der schwangeren Genovefa) vor klassischen Kulissen abspielt.

Olaf Christensen


Das Wichtigste gleich vorweg: Schmerzenreich war es mit Sicherheit nicht, dieser Aufführung beiwohnen zu dürfen. Barbara und Dirk Reimers brachten die gar schauerlichen Geschehnisse um die heiligen Genovefa von Brabant auf ihre Bühne.
Da Pfalzgraf Siegfried auf Grund auswärtiger kriegerischer Aufgaben die heimische Burg verlassen muss, vertraut er seinem Mitarbeiter Golo Haus, Hof und Weib an – ein fataler Fehler, wie uns Barbara und Dirk Reimers in gewohnter Qualität mit variantenreicher Differenzierung der einzelnen live gesprochenen Personen dieses Ritterdramas vor Augen führten. Die zwischenzeitlich Mutter gewordene Genovefa, die Ihren Sohn auf Grund ihrer derzeitigen Verfassung Schmerzenreich genannt hat, weist Golo ab, wandert dafür in den Kerker und wird, nachdem Golo Siegfried davon überzeugt hat, dass das Kind die Folge eines Ehebruchs sei, von Siegfried höchstselbst zum Tode verurteilt. Nur die plötzlich  – ähnlich wie schon bei Schneewittchen – einsetzende Güte der mit dem Vollzug des Todesurteils Beauftragten und eben die weiße und wohl auch weise Hirschkuh sichern das Überleben von Mutter und Kind im tiefen Wald. Glücklicherweise konnte Genovefa die Intrige Golos noch schriftlich niederlegen und das Dokument in einer Mauerritze des Kerkers verstecken, wo es von Siegfried nach dessen Rückkehr auch gefunden wird. Er findet Frau und Kind im Wald, bringt Sie nach Haus und entfernt den bösen Golo aus dem Kreise seiner Mitarbeiter. Leider währt das Happy-End nicht lange, da Genovefa der entbehrungsreiche Aufenthalt im Wald nicht gut bekommen ist und sie Ihren Leiden erliegt.
Dieser Stoff bietet allerbeste Voraussetzungen für ein wunderbares Papiertheatererlebnis –Barbara und Dirk Reimers haben uns dies in aus traditionellen Dekorationen gestalteten Bühnenbildern und mit von Babara Reimers selbst gestalteten Papier-Darstellern wieder einmal beschert.

Jens Schröder


Außerhalb des Programms:

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Eine verrückte Teegesellschaft – Claudia Grasse
Szenotest – Dr. Celine Kaiser

Nach einem Workshop im September 2012 mit Robert Poulter im Altonaer Museum, Hamburg, das dem Papiertheater zugetan ist, sind zwei unterschiedliche Stücke erarbeitet worden.
Vertraut ist Poulter-Zuschauer/innen die schlichte schwarze, kleine Pappbühne.
Claudia Grasse (Grafikerin und Kunsterzieherin) zeigt eigene, in Poulter’scher Manier vorbei ziehende Bilder von „verrückten“ Teetrinkern. Eine Teekanne spielt die Hauptrolle. Für die verschiedenen Geschmacksrichtungen des Tees wurden 3 Figuren entwickelt: Herr Cha Do, Frau Oolong, Frau Lapsang Souchong, die den Masken im Bild entlehnt sind und die sich über Teesorten auslassen und dabei den Eindruck erwecken, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Daneben tauchen Wesen aus anderen Welten auf: die Molluske, Teegeister, die für Unordnung sorgen und magische Verwandlung bewirken, z.B. Blumen als Pflanzentänzerinnen. Die Show wird begleitet von witzigen Kommentaren.

Sehr ernst dagegen Celine Kaisers (Theaterpädagogin) Spiel. Ein als Psychopath definierter Mensch gerät in die Therapie-Mühlen der Psychiatrie, die ihm in einem ausgeklügelten Verfahren sein Ich und damit seine Würde nimmt und ihn passend für die Normen der politisch korrekten Gesellschaft gemacht wird. Das geschieht mit Schattenspiel und Musikbegleitung.
Das Stück beruht auf einer Abhandlung des Arztes und Direktors des Klinikums Halle, Johann Christian Reil. 1803 schrieb er sein Werk „Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Curmethoden auf Geisteszerrüttungen“. In Reils theoretischen und spekulativem Konzept sollen in der psychiatrischer Anstalt der Zukunft szenische Mittel als Behandlungsmaßnahme eingesetzt werden. Um ihn aus seinen Wahnwelten zu reißen, muss der Patient im Laufe seiner Behandlung immer neuen überraschenden Situationen ausgesetzt werden, wobei er erst Ausgeliefertsein und Ohnmacht erfährt, im zweiten Schritt als passiver Zuschauer in die Szenische Handlung verstrickt wird, um dann im dritten und heilenden Schritt zum aktiven handelnden Objekt zu werden.

Uwe Warrach


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Die Spieler

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Die Guten Helfer

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Kundschaft

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Das PapierTheater Nr.33                           SEITE 3                      November 2013

Papiertheatertreffen

Schwarzweiße Maschinenträume zu Blasmusik
„Vom Reisen und Träumen“
Das Kölner Kästchentreffen im Kunsthaus Rhenania, Kölner Südstadt, 9. – 12. Mai 2013

von Sabine Herder

 


                    

     Treffen




 

Unsere Zeitschrift „PAPIERTHEATER“ hatte in ihrer Ausgabe Nr. 28 von September 2004 ausführlich über das „Kölner Kästchentreffen“ anlässlich seines 20jährigen Bestehens berichtet. Auf ihrer Webseite www.kölner-kästchentreffen.de stellt sich die Künstlergruppe selbst vor. Sie „hat über viele Jahre einen ganz eigenen, zeitgenössischen Stil des Papiertheaters entwickelt. Aus Papier, Objekten, Figuren, Licht und Musik entstehen auf kleinstem Raum kurze und, je nach Diktion und Temperament des jeweiligen Künstlers, unterschiedliche Theaterstücke. (...) Das Kölner Kästchentreffen gastierte in der Vergangenheit mit Ausstellungen und Theateraufführungen in Galerien, Museen und zahlreichen internationalen Festivals.“
Sabine Herder hat eine Aufführung besucht und nicht nur eine ungewöhnliche freie Ausdrucksform des Papiertheaters beobachtet, sondern auch etwas über die Freude an Experimenten erfahren.

Ihr Ruf eilt ihnen voraus, auch wenn es viel zu selten Gelegenheiten gibt, ihre Vorstellungen zu goutieren. Auf dem Papiertheaterfestival in Mourmelon waren sie schon und erinnerten mit einem Umzug durch die Stadt an rheinische Künstlertraditionen. Auf Festivals in Dänemark kennt man sie genauso wie in den Niederlanden und in Jerusalem. Nun waren sie schon zum zweiten Mal in diesem Jahr im Rheinland aktiv. Die Mitglieder der 1984 gegründeten Künstlergruppe „Kölner Kästchentreffen“ luden zum „Reisen und Träumen“ ins Kunsthaus Rhenania in der Kölner Südstadt. Mit sechs Terminen, zu denen jeweils 30 Zuschauer erwartet wurden, sollte diesmal ein größeres Publikum angesprochen werden. Motto: „7 Kölner KünstlerInnen zeigen als Intendanten nacheinander auf 7 Miniaturbühnen 7 geträumte Welten.“ Tatsächlich waren es acht. Doch dazu später mehr.

Man betritt einen Saal, in dem – ungewöhnlich genug – rundherum kleine Bühnen aufgebaut sind. Der klassische Guckkasten ebenso wie eine Bühne im Hochformat. Auch ein breiter Tisch mit einigen Aufbauten ist vertreten. Allein vor der größten Bühne fünf Reihen Stühle. Ratlosigkeit macht sich breit. Zum Glück übernimmt Heribert Schulmeyer, Kästchentreffen-Mitglied der ersten Stunde, die Conference und weist das Publikum an, dem Programm nach Stagione-Manier von Bühne zu Bühne zu folgen. Die Stühle reisen dabei mit.

So schart man sich, zunächst noch stehend, um Jojo Wolffs „Le bal“, einen Fünfminüter, der zu Zwölftonmusik eine bizarre Geschichte erzählt, in der zwei Hunde miteinander kämpfen, ein Handtascheraub geschieht und ein Engel uns schließlich in ein friedliches Afrika entführt. Die entzückenden Figuren stammen aus Zeichnungen der Kinder des Künstlers.

Herbert Rosner entführt uns mit Hilfe seiner Frau Astrid (die inoffizielle achte Akteurin) auf eine Winterreise nach Motiven von Schuberts Liederzyklus. Papiertheater? fragt man sich zunächst, denn vor der verspiegelten Dekoration steht eine Marionette, die sich schnell als unglücklicher Reisender herausstellt, der die folgenden Szenen beobachtet. Als sich die Bühne öffnet, entfaltet sich eine Welt aus Papier, die Stadtansichten und Assoziationen in Scherenschnittkonturen auflöst und von dynamischen Figurengruppen belebt wird.

Schulmeyer unterhält uns während des Umzugs zu nächsten Bühne mit Kästchentreffen-Historie. Er habe schon als Jugendlicher mit Papierfiguren experimentiert. Sein erstes Krippenspiel zu Weihnachten sei schnell Familientradition geworden. Mit einer Aufführung vor seinen Künstlerfreunden habe er das Papiertheatervirus 1987 in die Gruppe eingeschleppt. Ursprünglich spielten die Freunde zunächst nur füreinander und begannen im Laufe der Jahre, einander Aufgaben zu stellen. Das konnten „Reisen“ sein, „Käfige“, „Bestecke“, „Postpakete“ oder auch „Ad-hoc-Kästchen“. Und manchmal war es auch eine abstrakte Aufgabe wie „Schwarzweiß und eine weitere Farbe, dazu Blasmusik“.

Wie ein solches Ergebnis aussehen kann, zeigt uns Barbara Räderscheidt mit „Ama“, einer traumartigen Hommage an ihre Großmutter, die DADA-Künstlerin Marta Hegemann, die von ihren Enkeln nicht „Oma“ genannt werden wollte. Surreale Schwarzweißfiguren verwandeln sich vor Zeitungspapierdekorationen, eine Säge schwingt über Zange und Multitool. Die begleitende Blasmusik kommt von einer Gruppe müder Karnevalisten, die von Barbara Räderscheidt auf ihrem Heimweg am frühen Morgen eines Aschermittwochs mit dem Mikrophon belauscht wurden.

Surrealistisch geht es weiter. Gerd Kuck entführt uns, inspiriert von Guillaume Apollinaires Gedicht „Plongeon“ (Kopfsprung) in ein Schwimmbad. Figuren im Stil historischer Werbegraphik des späten 19. Jahrhunderts treffen sich im Vordergrund, irgendwann wird ein Sieger gekürt. Zwischendurch: Anatomie, Mechanik und ein wilder Stier. Überraschend und wunderschön: Der Wechsel der Perspektive. Was zunächst Wände zu sein scheinen, wird im Laufe des Stücks zum mit Bahnen markierten Schwimmbadboden und öffnet sich dann in die Tiefe. Am Ende wieder drei Wasserballspieler vor grün gekachelten Wänden. Haben wir da tatsächlich gerade einem Wettstreit beigewohnt? Nachdenklich und beschwingt begeben wir uns in die Pause.

Theo Kerp nimmt den ‚Faden wieder auf und  erzählt uns in „Nach der Kreidezeit und vor dem Jägerschnitzel“ traumwandlerisch seine Version der Menschheitsgeschichte. Mit langsamen Bewegungen zeichnet er Kreidesymbole auf eine Tafel und zaubert seine Handlung auf einen offenen Tisch. Immer neue Kipp-, Dreh- und Ziehmechanismen lassen Maschinenwesen auf Fabelgestalten treffen, zwei Schwalben lösen sich von der Bühne und erweitern den Bühnenraum in lichte Höhen. Am Ende sieht sich der Zuschauer mit einem Publikum konfrontiert, das ihm von der Bühne aus entgegenblickt: Gruppenfoto eines Gartenvereins der 1920er Jahre auf einem Ausflug. Was es wohl zum Mittagessen gibt?

Mit „Silent Rotator“ schlüpft Conferencier Heribert Schulmeyer vorübergehend in die Rolle des Darstellers und schlägt die Brücke vom Traum zur Reise. Eine schwarzweiße Maschine gibt es auch in diesem Stück, doch das Bühnengeschehen entführt uns in einen Badeort in England. Auch hier treten skurrile Gestalten auf, tragen Damen große Fische anstelle von Badetaschen – eine neue Mode? Nach dem Aufenthalt am Strand steht das abendliche Amusement. Ein kleines Theater schiebt sich auf die Bühne. Anerkennendes Geraune im Publikum, als sich dessen Vorhang öffnet und vor rotem Glanzpapier ein winziges Boot vorbeifährt. Romantischer Sonnenuntergang im Theater auf dem Theater.

Ein Klassiker beendet das offizielle Programm. Mit seiner „Rheinreise“ von 2002 präsentiert Jojo Wolff das erste Stück des Kästchentreffens, das mit einem Bildschirm arbeitet. Offenbar setzt die Dramaturgie des Abends darauf, das Publikum auf den Boden der Realität zurückzuholen, denn hier wird mit viel Humor die Vergänglichkeit der realen Welt thematisiert. Der zu Beginn erschlagenen „Fliege“ folgt der vom Gesang der Loreley verführte Rheindampferkapitän, der sein Schiff auf die Klippen lenkt. Alles beobachtet und kommentiert von zwei amerikanischen Touristen im vorbeifahrenden Zug.

Doch noch bevor das Publikum in den verdienten lang anhaltenden Schlussapplaus verfallen kann, wird die schon eingeplante Zugabe angekündigt, die - inoffizielle - achte „ geträumte Welt“. Wie schon das Eröffungsstück eine von allerlei Maschinen und Werkzeugen bevölkerte surreal verspielte Welt zu „Le bal“, diesmal von Gert Kuck. Dass alle Kästchentreffen-Mitglieder dieses Stück in ihrem Programm haben, ist einer ihrer selbst gestellten Aufgaben zu verdanken. Die verschiedenen Versionen von „Le bal“ sollten eigentlich im Februar beim Auftritt im Max-Ernst-Museum in Brühl simultan auf acht Bühnen gespielt werden. „Ein Spaß für uns, eine Zumutung für die Zuschauer“, wie Heribert Schulmeyer eingesteht, da sich Probenzuschauer beklagten, nur Teile des Ganzen mitbekommen zu haben. So dient halt die zweite von acht Versionen diesmal zur Einrahmung des Programms.

Experimente sind halt Experimente. Wenn sie nicht wie geplant funktionieren, werden sie analysiert und die Erkenntnisse fließen in neue Projekte ein, ein der Vorteil der Nummerndramaturgie. Mit großer Spielfreude und Mut zum Risiko loten die Künstler des „Kölner Kästchentreffens“ seit nunmehr 26 Jahren die die Grenzen und Möglichkeiten des Papiertheaters aus, ohne sich dessen Traditionen zu unterwerfen. Das Nachspielen von Theaterstücken oder Opern, ist nicht das Ziel der Künstlergruppe. Papiertheater ist für sie vielmehr eine freie Ausdrucksform; eine Möglichkeit, die schon vor 1987 gebauten, namengebenden „Kästchen“ zu beleben, die eine größere Verwandtschaft mit den Montageprinzipien der Dadaisten aufweisen als mit den traditionsreichen Bilderbogenvorlagen. Als freie Künstler, Zeichentrickfilmer, Bühnenbildner, Illustratoren oder Regisseure sind sie vielmehr in der Welt der bildenden Kunst und des modernen Theaters zuhause. Als Könner ihres Fachs verlassen sie sich auf die Aussagekraft der Bilder. Eine Linearität des Erzählens ist in diesem Kontext weder angestrebt noch nötig. Auch Sprache spielt nur eine untergeordnete Rolle. Statt dessen setzen sie auf die unmittelbare emotionale Wirkung der Musik, die vorrangig von atonalem Charakter ist und Stimmungen zu beschreiben vermag. Anders als andere Papiertheaterspieler, die seit einigen Jahren moderne Ausdrucksformen erproben, war das „Kölner Kästchentreffen“ immer originär und musste sich nie von einer orthodoxen Definition dessen, was „Papiertheater“ ist, emanzipieren. Nehmen wir diese Freiheit als Geschenk und lassen wir uns verzaubern, auch wenn wir nicht alles verstehen, was uns da gezeigt wird!

Inzwischen dokumentiert ein kleiner Film den Auftritt im Kunsthaus Rhenania. Zu finden auf der Website von Theo Kerp: www.blickfischer.jimdo.de.
Nächste Gelegenheiten, sich selbst ein Bild zu machen, finden Sie (leider immer sehr kurzfristig) unter: www.kölner-kästchentreffen.de oder auf facebook, wo das Kästchentreffen einen üppig bebilderten Auftritt pflegt.  „Le Bal“ von Jojo Wolff ist fotografisch festgehalten auf seiner Website: www.jojowolff.de



 

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Impressionen aus dem Kästchentreffen


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Das PapierTheater Nr.33                           SEITE 4                       November 2013

Technik im Papiertheater

Über Bewegung im Papiertheater

von Horst Römer   



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Insgesamt, so der Referent, gibt es wenig bewegliche Figuren im traditionellen Papiertheater. Die ersten sind wohl auf den Meiniger Bogen und  Bogen von Adolph Engel zu finden. Die einfachste Form beweglicher Figuren stellen die Klappfiguren dar. Wie bei der bekannten Drehfigur verändert sich dabei die Figur als Ganzes. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich, wenn einzelne Teile beweglich gemacht werden sollen. Dabei muss sich z. B. der Arm nicht nur nach vorne bewegen, sondern auch wieder zurück. Auf engstem Raum sind Gummibänder oder Bleigewichte zu befestigen und filigrane Holzgelenkkonstruktionen hinter die kartonierten Figuren zu montieren. Kurt Schönhoff  vermag solche Miniaturvorrichtungen zu bauen und die auf den Bögen vorgesehenen Bewegungsabläufe zu realisieren.

Am aufwendigsten seien die Figuren zu dem Stück „Prinzessin Tulipane und Jerichonte“ gewesen, die ebenfalls in der oben erwähnten, von C. W. Döring herausgegebenen Kinderzeitung erschienen sind. Von 25 Figuren sind zehn beweglich; eine davon kann niederknien,  die Hände vor der Brust kreuzen, tanzen, auf dem Sofa liegen und wieder aufstehen.

Auch andere Bogen von Döring enthalten viele Bewegungsfiguren, von denen Kurt Schönhoff aber annimmt, dass sie nicht bei Aufführungen benutzt werden konnten. Dafür sei die Bühne zu klein und es würden zu viele Spieler benötigt, die gleichzeitig aktiv werden müssten.
Der Mechanikus Schönhoff  baut aber nicht nur nach „Vorlage“, sondern entwickelt immer wieder Objekte, die er „Studien“ nennt – wie zum Beispiel eine komplexe Papiermarionette, die zu bewundern war. Für die Bühne sind diese Dinge gar nicht gedacht. Kurt Schönhoff entwirft und bastelt sie zum Vergnügen, sieht sie als interessante technische Probleme, als komplizierte, aber funktionierende Spielerei.
Nachdem der Referent sein Publikum auf vielerlei Weise zum Erstaunen gebracht hatte und schon einige von uns im Geiste überlegten, wie sie Bewegungsfiguren einsetzten könnten, überraschte der Vortragende mit der Schlussbemerkung, dass er von Bewegungsfiguren beim Spielen abrate. Gegen die Starrheit der Figuren anzuspielen, sei gerade die Herausforderung, fördere den Spieltrieb. Der Charme des Papiertheaters werde durch bewegliche Figuren eher zerstört. Da waren alle doch etwas erstaunt – aber genau so muss ein Vortrag sein: informativ, unterhaltend und Anlass bietend zum entspannten Grübeln.







 



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Das PapierTheater Nr.33                           SEITE 5                       November 2013

Film

Papiertheater im Film
Zwei Beispiele


von Horst Römer

 

Film 1: „Goethe!“, ein Film unter der Regie von Philipp Stölzl aus dem Jahr 2010. (Die Titelrolle übernahm Alexander Fehling; Buff und Kestner wurden mit Miriam Stein und Moritz Bleibtreu besetzt.)

Der Film handelt von Goethes juristischem Praktikum am Reichskammergericht in Wetzlar (1772). Dort lernte Goethe Charlotte Buff kennen, verliebte sich prompt in sie, konnte aber nichts anderes als still leiden, denn Charlotte war schon verlobt. Goethe wurde mit seinem Kummer auf die gewohnte Weise fertig: Er dichtete. Heraus kam dabei ein literarisches Event, nämlich „Die Leiden des jungen Werthers“. Der Roman machte Goethe mit einem Schlag berühmt.

Der Film schildert Goethes Zeit in Wetzlar und das Erscheinen seines Romans. Allerdings mischten die Drehbuchautoren die Romanhandlung mit dem Leben Goethes, was dem Film einige Kritik eingebracht hat.
Für uns ist es nun interessant, wie der Film-Goethe seiner angebeteten Charlotte (genannt: Lotte) ein schönes Geschenk machen will. Bei Goethes erstem Besuch im Haus Lottes hat die junge Dame ihm von Lessings „Emilia Galotti“ vorgeschwärmt und ihm anvertraut, dass sie für ihr Leben gern das Stück einmal auf der Bühne sehen würde. Was macht unser Genie? Johann Wolfgang bastelt ein Papiertheater, übt die „Emilia“ ein und packt Bühne und Figuren in einen Kasten und besucht seine Angebetete. Allerdings platzt er ahnungslos in die Verlobungsfeier von Lotte und Herrn Gerichtsrat Kestner. (Man muss wissen, dass Lotte den Johann Wolfgang zwar innig liebt, aber einen Auszubildenden kann man damals unmöglich heiraten, zumal Lottes Vater Witwer ist und eine große Familie zu ernähren hat.) Wie es der Zufall will, ist Kestner der Vorgesetzte Goethes am Reichskammergericht. Mit dem feinen Instinkt des misstrauischen Bräutigams merkt der Gerichtsrat, dass etwas zwischen seiner Verlobten und dem unerwarteten Besucher läuft. Aus einem früheren Gespräch mit Goethe weiß Kestner auch, dass Goethe eine Liebschaft hat und die „Festung“ bereits „erobert“ sei. Kestner zählt eins und eins zusammen und ist im Bilde. Zu allem Überfluss begrüßt Lottes kleiner Bruder in aller Unschuld den lieben Onkel Goethe, der doch neulich schon einmal zu Besuch gewesen sei. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen den Männern, in deren Verlauf Goethe eine Weile im Gefängnis sitzen muss, wo er den „Werther“ schreibt. (Dies ist frei erfunden, Goethe war nie im Gefängnis.)

Ich finde es schön, dass das Papiertheater in diesem Film nicht nur zu sehen ist – nebst Goethe als Bastler und Spieler – sondern eine dramaturgisch wichtige Funktion hat. Es führt zum Konflikt der beiden männlichen Hauptfiguren.


Film 2: „Das Kabinett des Dr. Parnassus“, ein britischer Fantasyfilm von Terry Gilliam aus dem Jahr 2009. (Es war der letzte Film, an dem der 2008 verstorbene Heath Ledger mitwirkte.)

Die Handlung des Films ist reichlich kompliziert. Wer es genauer wissen will, lese in Wikipedia nach. Hier sei der Anfang mitgeteilt: „London der Gegenwart: Das kleine Wandertheater des Dr. Parnassus hat seine besten Jahre hinter sich. Schon lange interessieren sich die Menschen nicht mehr für seine Künste und ignorieren die Versuche des jungen Anton, Zuschauer am Theaterwagen zu halten. Dabei bietet das Theater eine Besonderheit: einen Spiegel, der beim Durchschreiten die idealen Fantasiewelten des jeweiligen Menschen abbildet. Als bei einer Schlägerei ein Betrunkener zufällig durch den Spiegel fällt und nicht wiederkehrt, rufen andere Anwesende die Polizei. Der Truppe gelingt es, zu flüchten. Was niemand außer den Theaterleuten weiß: Die Welt hinter dem Spiegel stellt den Hineingetretenen am Ende immer vor die Wahl zwischen dem eigenen größten Laster und der Alternative, dem Laster zu entsagen. Wer aus eigenem Willen dem Laster entsagt, wird gerettet und kehrt in die Realität zurück – hier hat Dr. Parnassus gewonnen. Diejenigen, die dem Laster zusagen, sterben und fallen dem Teufel zu. Der taucht in Form des schwarzgekleideten, rauchenden Mr. Nick [gespielt von Tom Waits H.R.] auch bei Dr. Parnassus auf, um ihn an einen lange zurückliegenden Pakt zu erinnern. Parnassus ließ sich vor hunderten von Jahren auf eine Wette mit dem Teufel ein, die er gewann, und erhielt dafür die Unsterblichkeit. Als er sich in hohem Alter in eine Frau verliebte, schloss er mit dem Teufel einen neuen Pakt: Er erhielt seine Jugend zurück und konnte so die Frau für sich gewinnen. Dafür musste Parnassus Mr. Nick das Kind dieser Liebe versprechen, sobald es 16 Jahre alt geworden wäre. Parnassus ging darauf ein und ist nun verzweifelt, da seine einzige Tochter Valentina in drei Tagen 16 wird.“

Stark vereinfacht dargestellt geht es folgendermaßen weiter: Die Truppe trifft auf einen ominösen Fremden, der sich als Verfolgter einer russischen Mafia entpuppt und mit Organen von Kindern handelt. Mr. Nick, der den Fremden namens Tony die ganze Zeit verfolgt hat, verlangt jetzt dessen Tod, als Gegenleistung darf Valentina zu ihrem Vater zurückkehren. Als Tony schließlich zur Strecke gebracht wird, kommt es dann zu einem Happy End. Mit den Worten der Autoren von Wikipedia:
„Mr. Nick lässt Valentina frei und Parnassus im Unklaren, wo sie sich befindet. Jahre später, nach endlosem Suchen und in tiefster Verzweiflung, sieht Parnassus Valentina in Vancouver wieder. Sie hat inzwischen mit Anton eine Familie gegründet; die beiden haben eine kleine Tochter. Auch Percy [der kleinwüchsige Gehilfe von Parnassus H.R.] trifft er in Vancouver wieder, der dem zum Bettler verkommenen Parnassus wieder auf die Beine hilft: Beide verkaufen nun kleine Puppentheater aus Pappe, bei denen Parnassus werbend die Stabfiguren vorführt.“

Die kleinen Puppentheater aus Pappe sind natürlich nichts anderes Papiertheater.

Anmerkung der Redaktion:
Wir hätten diesem Artikel gerne ein paar Szenenfotos aus „Goethe!“ beigegeben. Auf entsprechende mehrfache Anfragen seit Monaten haben die Urheberrechtsinhaber leider nicht geantwortet geschweige denn zugestimmt.

 

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Das PapierTheater Nr.33                         SEITE 6                       November 2013

Papiertheaterliteratur

Der kleine Papparbeiter – Papiertheater 1878

von Volker Schulin   



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Unterhaltende Beschäftigungen und anregende Spiele für die Kinderstube. Zur Beförderung des Schönheits- und Ordnungssinnes, sowie zur Gewöhnung an Arbeit und Ausdauer. Nach Fröbelschen Grundsätzen bearbeitet von Hugo Elm. Dass dieses Zeitdokument von sozialgeschichtlichem Interesse ist wird deutlich, wenn man beachtet, dass es im Jahr 2012 bei zwei Verlagen Neuauflagen erfuhr.

Fünf Jahre nach dem kleinen Papparbeiter erschien 1883 von Elm das Buch "Der deutsche Handfertigkeitsunterricht in Theorie und Praxis". In dem später in Wien erschienenen Werk Spiel und Arbeit, Beschäftigungsbuch für den häuslichen Kreis wird in der 3. Abteilung auf ca. 20 Seiten neben dem Theatrum mundi, Schattentheater, Kasperle-Theater, Kartoffelkomödie (!) auch das Figurentheater behandelt.




 

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