Zeitungskopf
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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wieder einmal eröffnet der unermüdliche Willers Amtrup den Reigen – mit dem Bericht über eine Künstlerin vom diesjährigen Straßenzirkusfestival in Bremen.

Es folgt Christian Reuters reichhaltig bebilderte Dokumentation der neuesten Ausstellung im Hanauer Papiertheatermuseum, in der viele in Zeitschriften als Bastelbögen erschienene Miniaturtheater zu sehen sind.

Und dann voller Spannung erwartet: Willers Amtrups und Uwe Warrachs Berichte vom 21. Preetzer Papiertheatertreffen.

(rs)

Plakat

INHALT – Nr. 8 – September 2008 

Willers Amtrup über eine niederländische Papierkünstlerin Seite 2

Christian Reuter über die Ausstellung „Zeitungspapiertheater“ Seite 3

Theaterkritik I: Willers Amtrup
vom 21. Preetzer Papiertheatertreffen Seite 4

Theaterkritik II: Uwe Warrach
vom 21. Preetzer Papiertheatertreffen Seite 5

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Das PapierTheater Nr.8                         SEITE 2                        September 2008

Seitenblick

Ein etwas anderes Papiertheater

Text und Fotos von Willers Amtrup  

 

Orikadabra

Marieke de Hoop in Erwartung ihres ersten Zuschauers

 

Stühlchen Platz zu nehmen und verkündete dann, sie gebe jetzt eine Privatvorstellung für Willers.

Alsdann versteckte sie sich ein wenig hinter einer Sichtblende, wie von Zauberhand öffnete sich die Front des kleinen Theaters, zwei Hände erschienen in schwarzen Stulpen, griffen in einen Kasten mit Papier und falteten im Handumdrehen aus einem unscheinbaren Papierquadrat einen kleinen Schwan, später für andere Zuschauer Krebse, Frösche, Vögel mit sich bewegenden Flügeln, Hunde, die ihr Maul aufrissen und bellten, und anderes mehr.

Das Ganze wurde begleitet von sanfter Musik und zu den jeweiligen Figuren passenden Geräuschen und wirkte, weil nur die geschickt agierenden Hände zu sehen waren, tatsächlich ein wenig wie ein Zauberkunststück. Beobachtete man die Künstlerin allerdings von der Seite, so lüftete sich das Geheimnis und man merkte, daß sie natürlich nicht blind arbeitete, sondern durch eine Sichtöffnung oben in der Bühne alles sehen konnte.

Alles in allem ein gelungenes, lebhaft beklatschtes Papiertheater der etwas anderen Art!

 

Orikadabra

Ein Blatt Papier …

 

Orikadabra

… verwandelt sich …

 

Orikadabra

… in einen Frosch!

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Das PapierTheater Nr.8                         SEITE 3                        September 2008

Ausstellung in Schloss Philippsruhe

Papiertheater seitenweise

Text und Fotos von Christian Reuter 

 

Zeitungspapiertheater

Titelblatt „Mon Theatre“, Paris 1905

 

Andere haben sich über Jahre für das Thema engagiert und viele Zeitungen brachten auf ihren Beschäftigungsseiten für die Kinder hin und wieder Bastel- und Spielanleitungen.

Für die Ausstellung wurden solche alten Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland, Dänemark, Frankreich, Holland, Italien und den USA von verschiedenen Sammlern des Vereins zusammengetragen. Die Zeitungsseiten mit Hintergründen und Kulissen für die Bühnendekoration, mit Figuren, Vorhängen und Proszenien, die zum Aufziehen auf Pappe, Ausschneiden und Aufbauen entworfen wurden, liegen lichtgeschützt in den Schubern der Vitrinen. Diese Schübe kann man herausziehen, um die gedruckten Konstruktionsentwürfe in Ruhe zu betrachten. Auch eine Reihe der Bühnen in den Vitrinen sind Originale aus der Zeit, manche wurden allerdings aus Kopien der Zeitungsvorlagen gebaut, denn als vergängliches Spielmaterial haben sie die Zeiten nicht überlebt.

 

Den größte Teil des ersten großen Museumsraumes füllt die Rotunde aus.

Zeitungspapiertheater

Blick in die Rotunde (Im Hintergrund das Engelhardt-Theater)

In den Fenstern ihres Mittelganges werden sechs (von 10) Märchentheatern in Schuhschachtelformat - deutlich für das Kinderzimmer gedacht - gezeigt. Sie erschienen gegen Ende des ersten Weltkriegs in der amerikanischen Familienzeitschrift „Delineator“ auf den Kinderbeschäftigungsseiten.

 

Zeitungspapiertheater

BÜhne „Snow White“, The Delineator. USA, Juli 1918

Ringsherum sind in den Außenfenstern verschiedene Bühnen zu sehen, von der ältesten bis zur jüngsten. Das im Einsteinjahr 2004 von der FAZ veröffentlichte Theater mit dem Dürrenmatt-Stück „Die Physiker“ ist das zuletzt erschienene in unserer Ausstellung.

 

Zeitungspapiertheater

„Einsteintheater“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Dezember 2004

Daneben ist der Nachbau des ältesten Theaters der Ausstellung aus der „Quelle nützlicher Beschäftigungen“, die der Karlsruher Verleger Döhring 1834 herausgab. Seine Zeitschrift konnte nicht im Original ausgestellt werden. Ein ausführlicher bebilderter Artikel darüber in unserer Zeitschrift „PapierTheater“ Nr. 30 liegt stattdessen in den Schubern.

 

Zeitungspapiertheater

„PapierTheater“ Nr. 30, MÄrz 2005 (erste DÖhring-BÜhne)

Das aufgebaute Zimmer ist eine der beiden veröffentlichten Dekorationen dafür. Stücke mit Figuren waren angekündigt, sind aber dann doch nicht erschienen.

 

Zeitungspapiertheater

Nachbau der zweiten DÖhring-BÜhne

1854 brachte Döhring eine neue Bühne mit einem aufführbaren Stück und allem Zubehör. Sie wurde mit dem der Dresdener Hofoper nachempfundenen Proszenium aus Kopien der Zeichnungen nachgebaut.

Viele der Bühnen waren auch Erzähltheater, in denen man sich die Szenen zu vorgelesenen oder erzählten Geschichten aufbaute, viele andere sind für echte Aufführungen gedacht und manche der Konstruktionen sind lediglich Szenendarstellungen aktueller Theaterstücke. Zu diesem Typ gehört das Theater aus „The Pittsburg Daily Dispatch” von 1896 mit der Atelier-Szene zu George du Maurier’s „Trilby“, einem Stück um den Occultismus Ende des 19. Jahrhunderts.

 

Zeitungspapiertheater

„The Pittsburg Dispatch“ USA, 1896 (Trilby-Szene)

Comic-Zeitschriften brachten ebenfalls Theater zum Aufbauen und Spielen: 1990 das Heft der belgischen Zeitschrift „Schtroumpf“ ein Schlumpftheater. Die englische Ausgabe der „Mickey Mouse“ von 1952 veröffentlichte Theater mit vor allem im anglistischen Raum bekannten Märchen wie „Jack and the Beanstalk“ oder „Peter Pan“.

 

Zeitungspapiertheater

„Mickey Mouse“, England Dez. 1952 (BÜhnenbau-Bogen)

Die italienische Jugendzeitschrift „Corriere die Piccoli“ bot 1967 ein Theater einer Straßenszene mit den typischen Commedia-dell-Arte-Figuren an.

 

Zeitungspapiertheater

 

Zeitungspapiertheater

„Corriere die Piccoli“, Italien, Feb. 1967, Baubogen und BÜhne

In diesem Raum, der auch das attraktive Theater der Familie Engelhart (von 1860 bis 1985 bespielt) zeigt, sind neben der Rotunde in den drei Vitrinen dänische Bühnen aufgebaut; so die älteste Bühne des Kopenhagener Verlegers A. Jacobsen von 1880. Der Verleger und Lithograph begann damals Theaterbogen zu drucken. In seiner Zeitschrift „Suffløren“ (Der Souffleur), die er werbewirksam für die jugendlichen Theaterspieler herausgab, konnte man die Bauanleitung für eine hölzerne Bühne finden, mit viel Theatertechnik, wie automatisch drehbare Seitenkulissen, Versenkung und Farbänderung für das Kerzenlicht.

 

Zeitungspapiertheater

Theater von A. Jacobsen, Kopenhagen 1880 (SufflØren)

Das gedruckte Proszenium, die Dekorationen, die Stücktexte mit den zugehörigen Figuren zum Ausschneiden lagen den darauffolgenden Nummern der Zeitschrift bei. Möglicherweise ist das ausgestellte Exemplar das einzige original erhaltene Theater dieser Ausgabe

In den beiden anderen Vitrinen sieht man das „Pegasustheater“ in zwei Variationen. Diese große Bühne erschien 1940 – wieder im Krieg, wie 1914 die ersten Theater dieser Zeitschrift – im Kopenhagener „Familie Journal“ von Carl Aller. Die notwendigen Bogen dazu waren diesmal nicht in der Zeitung abgedruckt, sondern mussten beim Verlag gekauft werden. Für den Kauf machten die bebildert beschriebenen Theaterstücke und Tipps in der Zeitschrift Reklame. Bis 1948 erschienen 11 Stücke mit allem, was zu den Aufführungen gehörte. Das große Proszenium sollte aus Sperrholz gebaut werden. Nur benötigte es für die großen applizierten Bogen allzu viel dieses im Krieg nicht erhältlichen Materials, so dass sich Aller entschloss, ein Papierproszenium zu drucken, welches das zweite Theater zeigt. Im Holz-Pegasus ist die Schiffsdekoration zu „Die Schatzinsel“ aufgebaut, eine seltenes Bühnenbild, da der größte Teil der Bogen bei einem Lagerbrand zerstört wurden.

An der Wand findet man ein anderes Theater. Aus dem „Kinder-Courant“, einer niederländischen Jugend- und Bastelzeitschrift aus den Jahren um 1846 werden in den Rahmen ein Proszenium, Bühnenbilder, Figurenbogen und einige originale Zeitungsseiten gezeigt.

 

Zeitungspapiertheater

„Kinder-Courant, Niederlande um 1850 (Bogen und Proszenium)

Der zweite große Raum beschäftigt sich mit zwei der wichtigsten Zeitschriften, die sich intensiv den größeren Theatern für Aufführungen im Familienkreis, nicht nur im Kinderzimmer gewidmet haben. „Mon Théâtre“ vom Buch-Verleger Albert Mericant aus Paris bestand 1924/5 nur ein gutes Jahr.

 

Zeitungspapiertheater

Vitrine mit Mon Theatre BÜhne

Sie brachte in ihren 24 Nummern jeweils vollständige aufführbare Stücke mit Text, doppelseitigen Figuren und der Dekoration, wie auch Werbung für den beim Verlag zu kaufenden Theaterbau und viele Anregungen neben Theater-Comics und anderen besonders die Jugend ansprechenden Themen füllte die andere Hälfte des 16-seitigen Blattes. Der Jugendstilsalon für das Stück „Der Klavierstimmer“ ist eine eindrucksvolle plastische Dekoration.

 

Zeitungspapiertheater

„Mon Theatre“, Paris, MÄrz 1905 (Dekorationsbogen)

Die übrigen 12 Vitrinen zeigen die meisten der Theater aus dem oben genannten Allerschen „Familie Journal“.

 

Zeitungspapiertheater

Familie Journal, Kopenhagen 1916 („Lilleputteater“)

Von 1914 bis etwa 1935 erschienen dort 15 Bühnen in verschiedenen Größen. Für jedes Theater wurden neue Möglichkeiten und Strukturen erfunden, die oft Techniken des großen Theaters abgeschaut waren. Für jede der Bühnen gab es mehrere Stücke, wiederum vollständig mit Figuren, Texten und allen Dekorationen und jedes Mal neuern Tricks.

 

Zeitungspapiertheater

Familie Journal, Kopenhagen 1925 (Baubogen Plastisches Proszenium)

 

Zeitungspapiertheater

Familie Journal, Kopenhagen 1914 (Baubogen der ersten BÜhne)

Es gibt keinen anderen Verlag – jene der „reinen“ Theaterbogen einbezogen - der so viele Variationen und Möglichkeiten für das Papiertheater entwickelt hat.

 

Zeitungspapiertheater

Familie Journal, Kopenhagen 1922 (Theater mit SeitenbÜhne)

Gerade diese beiden alten Zeitschriften bieten auch heute noch wichtigste Anregungen für die Papiertheatergemeinde.

In England sind ebenfalls viele Zeitungstheater zu finden, doch leider nicht in dieser Exposition. Vielleicht wird man sich denen in späterer Zeit einmal widmen.

Viel Freude nun bei Besuch unserer neuen Ausstellung.

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Das PapierTheater Nr.8                         SEITE 4                      September 2008

Theaterkritik I

Alle Jahre wieder …

Willers Amtrup zum 21. Preetzer Papiertheatertreffen

 

Zeitungspapiertheater

Die Pestalozzischule in Preetz

 

Feuerwerk, bei dem ein Gag den anderen jagte. Wie gewohnt, spielte er nicht innerhalb einer geschlossenen Bühne, sondern auf einem blanken Tisch, auf dem wenige Versetzstücke mal Säulen des Königspalastes, mal etwas gedreht Marsch“säulen“ kämpfender Heere darstellten. Alle Figurinen waren äußerst stilisierte, ausgeschnittene Linolschnitt-Drucke, die er teilweise nach Bedarf ergänzte, indem er Druckplatten, Farbe, Farbroller und Druckpresse hervorholte und sich das zusätzliche Personal damit während der Vorstellung herstellte – allerdings nur, um diese Figuren gleich darauf zu töten, sprich zu zerreißen oder zu zerknüllen. Mein Französisch ist nur sehr mäßig, und ich bezweifle sogar, daß bessere Sprachkenner entscheidend mehr von dem herausgesprudelten Text verstanden – aber Poirier hätte auch eine völlig entlegene Fremdsprache benutzen können, und man hätte der Handlung dennoch folgen können: er selbst brachte sich als Hauptdarsteller in Mimik, Körperhaltung, Stimmvariationen und schließlich sogar Kleidung so unmittelbar und plastisch ein, daß er sein bester Dolmetscher war; und schließlich benutzten einige der Personen ja auch eine Abart der deutschen Sprache. Man mag diskutieren, ob das noch Papiertheater im strengen Sinne war – aber jedenfalls war es ein Hochgenuß!

Peace unto you all
Welcher Kontrast zum nächsten Glanzlicht dieses Tages, zu Hana Voriskovás „Peace unto you all“! Sehr verhalten und ruhig, ja geradezu weihevoll präsentierten sie und ihre Partnerin Hana Vedralova die biblische Erzählung von der Geburt Jesu, beginnend mit der Marienverkündigung bis hin zur Anbetung der Hirten und der heiligen drei Könige. Beim Licht einer Kerze las Vedralova in einem anrührend gebrochenen Deutsch zunächst jeweils die entsprechenden Textpassagen und reichte dann die Kerze betont gemessen an Vorisková weiter. Auf einer winzigen, nur mit einer durchsichtigen Folie bespannten Bühne spielte diese dann die jeweilige Handlung mit filigranen, unsichtbar an feinen Fäden bewegten Figürchen nach. Ohne jede zusätzliche Dekoration, fast spartanisch vollzog sich dieses Schattenspiel, und man konnte nur staunen, wie diese delikaten, schlanken Gestalten ihre Knie beugen, mit beweglichen Armen die Krippe wiegen und sich bewegen konnten, als wären sie lebendig. Man sah den Zug der Hirten und der Könige zum Stall, auf einer zusätzlichen Oberbühne schwebte mit seinen Posaunen der Chor der himmlischen Heerscharen – alles das begleitet von Volksmusik aus Böhmen und Mähren in der Fassung u.a. von Leos Janacek. Es will mir nicht gelingen, den bewegenden Eindruck dieser Aufführung in nüchternen Worten wiederzugeben – ein Freund nannte ihn „magisch“, und das trifft es wohl am ehesten. Kennzeichnend war, daß alle Zuschauer erst eine Besinnungspause brauchten, ehe der Beifall losbrach.

Mackuse fliegt Übers Kuckucksnest
Die nächste Vorstellung galt sozusagen dem Requiem für einen weiteren Untoten – „Mackuse fliegt übers Kuckucksnest“, entworfen und gestaltet von Walter Koschwitz mit seinem „Papiertheater der urbanen Kriminalität“ und gespielt von ihm und seiner Frau Megi Koschwitz-Hermann. Ich muß gestehen, daß ich eine Weile dazu gebraucht habe, mich auf diesen letzten Teil des Mackuse-Zyklus innerlich einzulassen; denn er unterschied sich um einiges von den vorangegangenen. Gab es dort vielfältige „action“, so dominierten jetzt beklemmende Tristesse und gezielte Irritationen durch die Darstellung eines psychisch deformierten Menschen: Mackuse als nach einer nur unvollkommen gelungenen Operation nur noch als Schatten seiner selbst erscheinender Insasse einer Irrenanstalt – der Titel paraphrasiert nicht von ungefähr den Titel eines ebendort spielenden Films. Ein genialer Verbrecher, der von Ärzten mit Hilfe von Psychopharmaka gerade noch so weit therapiert wird, daß er als Toilettenwärter verwendbar ist und von den Ärzten als „Restmensch“ bezeichnet wird. Diese Deformierung führt dann zu Haßausbrüchen in quälend langen Gesängen, eben einem dies irae, mit Attacken gegen die Frauen und die ganze Welt, schildert das Bild einer zerrütteten Seele mit Allmachtsphantasien und andererseits einer Regression in kindliche Gedankengänge – bei allem Wissen um seine verbrecherischen „Qualitäten“ konnte einem dieser Mackuse streckenweise schon wieder leidtun. Die wie bei Koschwitz üblich nur zweidimensionale Dekoration entsprach dieser Tristesse – eindrucksvoll die trostlose Aufreihung von Urinalen am künftigen Arbeitsplatz und im Schlußteil des Spiels die Darstellungen des von Mackuse in seiner Wahnvorstellung als Flottenadmiral zerstörten Berlins, der Wüstenszenen und der Begegnung mit untoten Geistern am Rande von Gräbern. Die Reaktion der Zuschauer schwankte zwischen schroffer Ablehnung und begeisterter Zustimmung – ich selbst halte die Aufführung als Schlußakkord der vorangegangenen Teile für konsequent und in ihrer atmosphärischen Dichte für stimmig, ziehe aber die weniger deprimierenden früheren Teile des Zyklus vor.

Die II
Gehen wir zum Sonntag über. Zwar hätte es auch am Samstag noch einen weiteren Vorstellungstermin gegeben, aber meine Aufnahmekapazität war schlicht erschöpft – und man wollte ja auch noch die Kraft haben, bei der späteren Auktion mitzubieten.
So sah ich denn am Sonntag gut erholt „Die II“ vom „Papiertheater Pollidor“, eine von Dirk Reimers erdachte und inszenierte Komödie über zwei Privatdetektive mit dem Auftrag, einer Erbin sehr vertraulich und geheim ein Schriftstück zu überbringen; dabei passieren dann natürlich einige Verwicklungen und Dummheiten, zumal die beiden Mündel der Erbin bei dem Versuch, sie zu übervorteilen, selbst mächtig hereinfallen. Aber zuerst galt es Barbara Reimers’ wunderschönes neues Proszenium zu bewundern, das bei diesem Festival eingeweiht wurde. Hier ist ihr wirklich ein überzeugender Wurf gelungen, der hergebrachte Dekorationselemente wirkungsvoll aufnimmt und neben den großen Proszenien aus früherer Zeit ohne jeden Zweifel bestehen kann. Kompliment! Das Stück selbst lief in gut gestaffelten spanischen und dänischen Dekorationen mit schönen Figurinen von Barbara Reimers ab, bestach u.a. durch einen gut eingesetzten Rollhorizont und lebte natürlich besonders vom Sprachwitz und der gekonnten Art, mit der die beiden Spieler ihre Rollen schon seit langem lebendig zu gestalten vermögen. Insgesamt ein schöner Spaß – auch wenn mir die Komödie im Vorjahr noch besser gefiel.

Reise zum Mittelpunkt der Erde
Zum ersten Mal in Preetz dabei war „Haase’s Papiertheater“ mit der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ nach Jules Verne – ein überaus gelungenes Debut! Martin und Sieglinde Haase führten 9 Szenen dieser Entdeckungsreise auf, und schon die teils aus herkömmlichen Bögen, teils aus bearbeiteten eigenen Fotos geschaffenen Dekorationen haben mich durchgehend überzeugt; die Lichtregie ließ kaum etwas zu wünschen übrig und der Soundtrack hätte kaum besser sein können. Hinzu kamen schöne Einzeleffekte – ein beweglicher Schaukelstuhl, aus dem Wasser auftauchende, einander bekämpfende Seeungeheuer, die Sprengung eines Felsens etc. etc. Besonders hervorzuheben ist die mit einfachsten Mitteln, nämlich auf einen Spiegel projizierten Wellenbewegungen gestaltete Darstellung eines unterirdischen Flusses – prima! Zur Nachahmung empfohlen sei schließlich der Einfall, die (kurzen) Umbaupausen nicht wie meist üblich nur mit Musik zu füllen, sondern in dieser Zeit ein fiktives Tagebuch zu verlesen, das von einer Szene zwanglos zur nächsten überleitete; der manchmal entstehende Eindruck eines „Lochs“ während des Umbaus konnte so gar nicht erst aufkommen. Einzig zu kritisieren habe ich, daß die Figurenführung ziemlich starr wirkte und vielleicht auch durch die Verwendung etwas unterschiedlicher Körperhaltungen lebendiger gemacht werden könnte.

Von Riesen, Feen und anderen Wesen
Zum Schluß schließlich Peter Schauerte-Lüke mit seinem „Don Giovanni, Käthchen& Co.“ Etwas irreführend war „Von Riesen, Feen und anderen Wesen“ angekündigt – Feen aber habe ich vergeblich gesucht. Riesen gab es dann tatsächlich, menschenfressende sogar, und zwar in zwei Geschichten von Tomi Ungerer und Wolfgang Hildesheimer. Schauerte-Lüke benutzte in der ersten, die mir am besten gefiel, die gekonnten Illustrationen des bekannten Zeichners für Dekorationen und Figurinen und stellte uns einen am Hungertuche nagenden Menschenfresser vor, dem seine gewohnte Nahrung, kleine Kinder nämlich, ausgegangen war, weil er einen Großteil von Ihnen bereits verspeist und die übrig gebliebenen so verängstigt hatte, daß sie sich nicht mehr aus dem Hause wagten. Dann aber geschieht ein Wunder der Läuterung: Als der Riese einen Schwächeanfall erleidet, wird er von einer Bauerntochter mit einer Mahlzeit, die einen Michelin-Stern verdiente, wieder auf die Beine gebracht, will fortan nur noch dieses „slow-food“ verzehren und bekehrt auch seine bisher menschenfressenden Kumpane dazu. Ende gut, alles gut – und alles in gewohnter Manier vom Spieler live und flott auf die Bühne gebracht. Etwas schwächer dann die zweite Geschichte mit von Schauerte-Lüke selbst entworfenen Dekorationen und Figurinen: Zwei Bauernsöhne versuchen in der Hoffnung, damit die Hand der Königstochter zu erringen, nacheinander, einen menschenfressenden Riesen zu beseitigen, scheitern aber beide, jeder auf seine Art. Auch das war gekonnt gespielt, doch kam für mein Empfinden der Erzkomödiant nicht ganz so überzeugend zur Geltung, wie wir es in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt haben.

Gleichwohl das immer erneute Fazit: Es war ein wunderbares Festival, und ich erhoffe mir nicht nur ein silbernes Jubiläum, sondern noch viele Male darüber hinaus.

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Das PapierTheater Nr.8                         SEITE 5                      September 2008

Theaterkritik II

Platzbelegung über 100%!

Uwe Warrach zum 21. Preetzer Papiertheatertreffen

 

Zeitungspapiertheater

Die Wand der neuen Halle, vor welcher gleich die ErÖffnungsfeier stattfindet

 

Bilder haben es dafür auch in sich: die stürmische See, die Unterwasserszenen mit der gespenstischen „Nautilus“, dem U-Boot des ebenso genialen wie wahnsinnigen Kapitäns Nemo. Nebenbei lässt „Das Boot“ musikalisch grüßen. Die Gelassenheit, mit der die Schiffbrüchigen ihre kritische Lage bewerten, überrascht etwas, kann aber auch trocken wie britischer Humor genossen werden, es ist ja ansonsten nass genug auf der Bühne.

Der kleine HÄwelmann
Kleiner Kerl auf großer Reise
Die Hanauer Helmut Wurz, Terence Adams und Annegret Garrecht spielen eine der berühmtesten Gutenachtgeschichten nicht nur kindgerecht, sondern auch bühnenperfekt. Der kleine Junge in schlafloser Nacht, der sein Hemdchen als Segel setzt und zum Erschrecken des Mondes in seinem Rollenbettchen erst die Wände hinauf und hinunter kutschiert, dann die Fahrt durch die schlafende Stadt antritt, in den Wald und den Sternenhimmel, sind stimmungsvoll und liebenswert gestaltet. Sehr passend dazu die Stimmen der Erzähler, voran unverkennbar Hans Paetsch. Auch hier wieder am Ende ein kleiner Zuschauer, besorgt: „Ist jetzt Schluss?“

Mackuse fliegt Übers Kuckucksnest
Ein krankes Hirn stellt sich vor.
Endlich mal eine Bühne, die jeder sehen kann, auch wer hinten sitzt. Kulissen, Figuren, Ton und Sprache, wie immer beim Theater der urbanen Kriminalität, meisterhaft in der Idee, der Ausführung und der Technik. Ein expressionistisches Gruselstück, das Assoziationen an all die Schrecken auslöst, die unsere Welt beherrschen oder zu beherrschen drohen: Lust am sinnlosen Töten und Zerstören, perverse Triebe, Hass auf Frauen - nichts ist so niederträchtig, als dass Mackuse es nicht erträumen und besingen könnte. Gut, dass das alles nur in seinem kranken Hirn stattfindet, mitsamt dem er in eine Anstalt gesperrt ist. Noch? Spürbar auseinander gingen beim Publikum Begeisterung und Beklommenheit über dieses böse, bissige und sarkastische Werk, das keine Gnade mehr kennt. Ich gestehe, dass ich zu den letzteren gehöre, vernahm aber ebenso viele begeisterte Stimmen.

Peter und der Wolf
Neu: mit happy end
Niemals sah ich einen so blitzschnellen Umbau. Das mag als Nebensache erscheinen, aber es beeindruckt den Papiertheaterspieler nun mal und spiegelt die unglaubliche Perfektion des Wiener Papiertheaters wider. Obwohl Computer gesteuert und mit allen Mitteln moderner Beleuchtung, Vernebelung und Feuerwerken ausgestattet, wirken Bilder und Spiel lyrisch und lebendig. Sehr schön ausgewählt auch die Erzählerin Romy Schneider. Reizvolle Variante: Der Wolf überlebt nicht nur, er muss auch nicht in den Zoo, sondern darf in den Zirkus, und so erscheint er in der (fix gezauberten) Schlussszene als Artist bei lustiger Jahrmarktmusik. Drei Vorhänge und eine Zugabe!

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